Tiefster November Lieber Jochen, nun ist es schon sooo lange her seit Deinem Langen brief vom 2.Oktober, Du hast bestimmt schon lange gewartet, und ich habe zwar täglich an Dich gedacht, aber ohne schriftliches Ergebnis. Und "Ariadne auf Naxos" habe ich auch noch nicht gelesen, habe aber jetzt beschlossen, dass Deine Auszüge auch genügen, um das Thema zu verstehen, und die Geschichte kenne ich ja. Ja, sehr bewegende Klageworte. Ich habe als Jugendliche, wenn ich das dicke Buch griechisch-römischer Sagen las, das wie so vieles andere glücklicherweise bei uns im Bücherschrank stand, Ariadne sehr bedauert und Theseus geschmäht - so ein Verräter! Dass Ariadne ausgerechnet an Bacchus gerät, konnte ich nie begreifen. "Ein Schönes war, hieß Theseus-Ariadne Und ging im Licht und freute sich des Lebens" gefällt mir ganz besonders. Ich glaube, dass der Mensch nicht dafür geschaffen ist, das Ende von Gutem, Schönem zu ertragen. Beim ganz jungen Hofmannsthal heißt es, "Die Kunst zu enden - wer das kann, kann alles". Und Nirtzsche befand ja, "Denn alle Lust will Ewigkeit, /Will tiefe, tiefe Ewigkeit". Das fällt mir so ein zu Ariadne, sicher banal Was Du über die seelische Verfassung der Nantucket-Bewohner sagst, verwundert mich doch stark. Ist das nicht ein besonders schönes Fleckchen Erde? Und wie bist Du überhaupt darauf oder dazu gekomen,ausgerechnet dort ein Haus zu bauen? Wahrscheinlich kanntest Du die Menschen noch nicht. Der Preis ist aber reichlich hoch, finde ich. Und nun ist die Elektrizität in Ordnung, dieses Thema abgeschlosen? Und keiner will Dir mehr etwas Böses? Und wer wird dort nun wohnen? Im Winter wohl niemand, scheint mir. Dein und Klemens' Haus sind doch auch sehr verlockend. Wir waren in letzter zeit zweimal in Weimar, beide Male eines Geburtstags wegen, zum Nachfeiern und zum direkt Feiern, am 9.November. Unsere alte Freundesgruppe,die wir uns schon fast 50 Jahre kennen. Wir waren sehr froh, dass sie uns dabei haben wollten. Es begann mit einer Führung durch die Ausstellung "Goethe und die Naturwissenschaften" im Schiller-Museum, dann Mittagessen im "Weissen Schwan" gleich neben dem Goethehaus am Frauenplan (früher, um 1970, wohnten unsere ältesten Freunde in einem baufälligen Haus direkt gegenüber, unten war eine Bäckerei, im Vorbeigehen ließ sich schon mal ein Brötchen stiebitzen), und als im Obergeschoss ein Brand ausbrach, wohnte unsere Freundin Gisi einige Zeit im Weissen Schwan. Wir haben eben viele Erinnerungen in dieser Stadt. Abends dann ein bewegendes Chorkonzert in der ehrwürdigen Herderkirche, bei dem zwei Freundinnen mitsangen. Es ist die zeit der Konzerte. In unserer Nachbarstadt Meinerzhagen hörten wir kürzlich Mozarts c-moll-Messe, die ich besonders liebe, unter Mitwirkung eines Chors aus Marktheidenfeld (am Main) und eines Kammerorchesters aus St.-Petersburg. Wie findest Du das? In Kierspe! Bernd ist gerade zu einer Orchesterprobe aufgebrochen, sie tagen leider nur zweimal im Monat, aber dazwischen kann man ja zu Hause üben, Im Oktober gab es das jährliche Klassentreffen meiner Goslarer Abiturklasse, freundlich und vertraut wie immer, obwohl ich immer wieder merke, dass ich eigentlich nichts zu den Gesprächen beizutragen habe, aus Mangel an eigenen Kindern und Enkeln, die doch das Wichtigste im Leben sind. Jedesmal denke ich dann schmerzlich daran, wie sehr sich meine Mutter auf Enkel gefreut hatte (obwohl sie nie ein Wort darüber verloren hat, was eine unglaubliche Leistung ist) und wie sehr ihr diese Leere im Alter wehgetan hat. Sie war sehr kinderlieb. Das beschäftigt mich jeden Tag, ich mache mir Vorwürfe, kann mir aber mein Leben mit Beruf und Kindern nicht vorstellen. Und Dass Ihre Töchter einen Beruf hatten, unabhängig waren, war für meine Muitter enorm wichtig, sie hat ihr Leben lang darunter gelitten, dass sie nur Hausfrau sein konnte. Sie war 47, als mein Vater starb. Wenn ich denke, wie schwer das Leben unserer Eltern - meiner ganzen Generation - war! Was für Widrigkeiten und Schrecklichkeiten sie durchleben mussten. Und wir dagegen! Beinahe wie ein ausgebreitetes Paradies.. Eine unerhörte Ungerechtigkeit. Ich vermute, dass mein Vater an den vielen Enttäuschungen und Demütigungen seines Lebens gestorben ist.. Das sind so Überlegungen, die mich nahezu täglich beschäftigen und zu denen ich keinen tröstlichen Gedanken finde. Ende Oktober sind wieder die Kraniche gezogen, diesmal haben wir den Hauptschwung hören und sehen können, sie flogen an mehreren sonnigen Tagen zu Zehntausenden ganz nah an unserem Haus vorbei. Das ist immer sehr bewegend und, für mich, auch erschütternd. Nun aber kommt nach und nach einiges von dem lenge vermissten Regen auf uns nieder, und obwohl das ungemütlich und unfreundlich sich anfühlt, wissen wir doch, dass es wichtig und erfreulich ist. Also begrüßen wir es. So, lieber Jochen, ich nähere mich dem Ende. Ich wünsche Dir alles, was Dir gut tut und wir grüßen Dich von Herzen, Deine Gertraud und Bernd.